Kurzfassung des Vortrag von Ernst Küpfer bei:
50plus:
30. Januar14.00 Uhr in der Kirchenstube. Herr Küpfer erzählt über die
„Täufer-Bewegung" in der damaligen Landschaft Bern
Die Täufer in der Landschaft Steffisburg im Bernbiet

Es war eine unruhige Zeit, zu Anfang des 16. Jahrhunderts. Durch die Kriegszüge gegen Burgund und durch die Mailänderzüge waren viele Männer umgekommen, wer zurückkehrte war meist an Leib und Seele gezeichnet. Der Rat des Freigerichts von Steffisburg und Sigriswil schrieb deshalb 1527 an den Rat zu Bern:

Euer Gnaden allezeit willigen Diener der Stadt und freien Gerichten unter dem Banner zu Thun. Erstmals der fremden Kriegsdienste halber wollten Euer Gnaden ansehen, dass mancher Knecht jämmerlich heimkommt und uns aus solchen fremden Kriegen nichts als Schand, Laster, Schmach und Verlust an Leib Ehre und Gut entspringt, dass Ihr verzichtet auf die Pensionen und das Blutgeld der fremden Herren. Denn es befremdet uns hart, dass unsere Bitten an Euer Gnaden ohne Erfolg geblieben ist, und wenn man ihr nicht nach kömmt, ist es nicht nötig, uns darum weiter um Rat zu fragen.

Diese Zeilen zeugen nicht gerade von Unterwürfigkeit gegenüber den gnädigen Herren, sie zeigen aber wo die Landbevölkerung der Schuh drückte. Die Autorität der weltlichen Macht war ins Wanken geraten, was der Kirche schon ein halbes Jahrhundert früher widerfahren war. Schon im Jahre 1473 wurde das reiche Augustinerkloster Interlaken durch Bern bevormundet, wegen eingerissener Missbräuchen. Das Frauenkloster Interlaken wurde 1485 aufgehoben, wegen der Unbändigkeit der Nonnen. Wegen seines unordentlichen Wesens verlangte Bern vom Probst zu Interlaken, den Priester zu Steffisburg zu entfernen. Um die Missstände abzustellen, wurde durch einen Gesandten in Rom Hilfe erbeten.
Der Chronist berichtet dass der gelehrte Stadtschreiber Dr. Thüring Frickart nach Rom reiste um „sonderlich Gwalt und Friung zu erwerben, die ungeistlichen Chorherren zu begwaltigen und zu reformieren. Da ward der Bot wohl, doch nit ohn
gelt empfangen." Das heisst doch wohl dass sich Alles ums Geld drehte. Gleichzeitig
zogen Ablasskrämer durch die Lande, die Seelenheil gegen Geld anboten. Das Zölibat wurde von den Priestern nur als Ehelosigkeit beachtet, es war aber durchaus üblich dass die Priester Familien hatten. Lebte ein Geistlicher in eheähnlichen Verhältnissen, so bezahlte er dem Bischof pro forma eine Strafe, die dieser auch gerne einstrich, er brauchte sie ja für den Unterhalt der eigenen Familie.
Durch herumziehende Händler wurden religiöse Schriften verbreitet, Erasmus geisselte die Missbräuche des Klerus. Luthers neues Testament in deutscher Sprache und die Zürcher Bibel erfuhren grosse Beachtung, auch wenn der grösste Teil der Bevölkerung keinen Zugang hatte, Wanderprediger brachten die Schriften unter das Volk.
So beschwerte sich ein Altgläubiger aus dem Simmental; „dass überall und besunders lüt dem gemeinen man das wort gots wellend uf der gass verkünden. Er verlangt dass „der Lutersch handel wöll zurück wärfen, mäss han und bichten".
Wenn auch in bernischen Landen alles etwas langsamer ging, die Gärung der Reformation war nicht mehr aufzuhalten. Die neuen Ideen wurden unterschiedlich aufgenommen, den einen war alles Neue ein Dorn im Fleisch. Andere wollten viel weiter gehen, religiöse, gesellschaftliche, soziale und politische Forderungen wurden laut. So verlangte das Landgericht Steffisburg von Bern anlässlich der Befragung über den neuen Glauben, mehr Freiheit gegenüber der Stadt, Redefreiheit, Erlass der Bodenzinsen bei Missernte und die Einlösung des Versprechens an Stelle der Klöster Schulen und Spitäler einzurichten. Für die Armen sollten Spittel errichtet werden.
Zu den extrem Bibeltreuen gehörte in Zürich eine Gruppe von Zwingli's Gefährten um Konrad Grebel und Felix Manz. Im Jahre 1527 verfassten sie, mit weiteren Getreuen aus dem Schwarzwald, das Schleitheimer Bekenntnis, in welchem ihre Glaubensrichtung festgehalten wurde. Sie erkannten nur einen Herrn über sich und weigerten sich deshalb einer Obrigkeit einen Treueeid zu schwören, sie verweigerten den Dienst mit der Waffe, was ebenfalls den Argwohn der Obrigkeit erregte. In der Frage der Taufe überwarfen sie sich mit der offiziellen Kirche. Da in der Bibel nur von der Taufe Erwachsener die Rede ist, lehnten sie die Kindertaufe ab mit der Begründung dass ein kleines Kind die nötige Vernunft nicht habe. Die Glaubenstaufe Erwachsener wird erstmals im Jahr 1525 bezeugt. Da diese Taufe für die betreffende Person die zweite Taufe war, wurden die Anhänger der Bewegung von ihren Gegnern Wiedertäufer (Anababtisten) genannt.
Die Täufer, wie sie sich selbst nannten, wurden von allem Anfang an äusserst brutal verfolgt und bekämpft. In Zürich wurde Grebel vertrieben und Manz ertränkt. Der Tod durch Ertränken wurde offiziell als die dritte Taufe bezeichnet. Trotz den Verfolgungen breitete sich die Täuferbewegung rasch aus, Basel, Aarau, Bern sind Orte wo die Anwesenheit von Täufern bekannt ist. Es waren vor allem gebildete Leute die in dieser frühen Phase zum Glauben der Täufer standen, im Aargau waren auch Pfarrer unter den Anhängern.
Der Chronist Stettler berichtet dass im Jahre 1530 der Täuferlehrer Cuno Eichacker aus Steffisburg gefangen nach Bern geführt wurde. Vor versammeltem Rat wurde er von zwei Geistlichen ermahnt. Der Rat befahl, dass Eichacker in der Kirche in Steffisburg abschwören sollte, worauf er ausgewiesen würde. Da er nicht abschwören wollte, wurde er ertränkt.
Durch Täufermandate, Täuferjagden, durch Ermahnungen und Gewalt versuchte die Obrigkeit ihre Untertanen auf den rechten Weg des Glaubens zu bringen. In den Städten gelang die Ausrottung der Täufer weitgehend, auf dem Land dagegen, war der Erfolg gering. Aus den Berichten der Chronisten geht hervor, dass der Staat, der nach Aussen grossen Erfolg hatte, nach Innen versagte. Die Täufer, nun vor allem in ländlichen Gebieten verbreitet, waren bereit für ihren Glauben zu sterben. Gegen Menschen die zum Märtyrer berufen sind versagten die üblichen Massnahmen des Staates, Drohung, Folter, Hinrichtung. Aus dem „Maryrer Spiegel", einer Schrift der Mennoniten aus den USA, sind 40 Namen von hingerichteten Täufern bekannt für die Zeit von 1529 bis 1571. Rund die Hälfte von ihnen stammte aus dem Emmental. Aus Diskussionen mit Pfarrern, die sich für Milde aussprachen, wird klar dass der Grund der Verfolgung nicht im theologischen begründet war, sondern dass die Täufer, durch ihre Ablehnung der Obrigkeit, als Staatsfeinde eingestuft wurden. Während mehr als 200 Jahren versuchte der Staat Bern dieses Grundübel auszurotten. Das Prozedere lief meist nach dem gleichen Schema ab: Anzeige (oft durch den Pfarrer), Verhaftung, peinliches Verhör (Folter), Belehrung, Aufforderung zum Abschwören, Verlangen des Treueids, Ausweisung, Deportation auf die Galeeren, bei Verstockten, Hinrichtung im Wasser, bei illegal zurück Gekehrten, Hinrichtung durch das Schwert. Verdächtige, denen nichts nachgewiesen werden konnte, mussten jeden Sonntag zur Kirche gehen. Neugeborene mussten innerhalb von 2 Wochen nach der Geburt zur Taufe gebracht werden. In der Bevölkerung hatten die Täufer viel Unterstützung, auch wenn für deren Aufnahme und das Verbergen hohe Strafen ausgesprochen wurden. Geldstrafen wurden auch gegenüber den Täufern angewendet, zudem wurde das Erbe eingezogen, so dass auch die Nachkommen gezwungen waren das Land zu verlassen. Im Jahre 1711 verliessen 4 Schiffe mit Vertriebenen Bern in Richtung der Niederlande, sie wurden dort von der Gemeinde der Mennoniten herzlich aufgenommen.
In der Zeit des Bauernkrieges, Mitte des 17. Jahrhunderts, verschlimmerte sich die Lage der Täufer noch. Sie wurden verdächtigt den Aufstand mit angezettelt zu haben. Gleichzeitig waren die wirtschaftlichen Verhältnisse schwierig, es gab eine grosse Teuerung, der Staat forderte mehr Steuern. Auch im 18. Jahrhundert gingen die Verfolgungen der Täufer weiter. Ein Steffisburger, Christian Blank, wurde im Jahre 1737 wegen „religiösem Irrtum als ungehorsamer Lätzkopf' für 10 Jahre auf die Galeere geschickt. Ob er diese 10 Jahre überstanden hat, wird in der Chronik nicht erwähnt. Das interessierte die Obrigkeit auch nicht, sie waren ihn los. Eine Kommission aus Geistlichen schrieb allerdings, dass die Galeerenstrafe für die Täufer nicht begründet sei, weil ein solches Schicksal grausamer sei als der Tod.
Die Zeit der Aufklärung, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, brachte eine gewisse Entspannung zwischen Stadt und Land. In der Kirche zeigten sich Einflüsse des Pietismus. Die Täufer, die „Stillen im Lande", liess man gewähren, Religionsfreiheit brachte aber erst die Französische Revolution.
Mit dem Übergang des autoritären Regimes der Berner Patrizier zu einer demokratisch gewählten Regierung wurde die Hoffnung wahr, dass die Täufer ihre Peiniger überleben würden. Es gibt sie noch, zum Teil unter andern Namen, in der Schweiz und in der weiten Welt.
Die inneren Strukturen der Täufer waren während den Jahrhunderten argen Spannungen ausgesetzt. Um 1700 herum erneuerte Jakob Ammann die Täufer­bewegung, das heisst, er spaltete sie. Die strenge Gruppe, die „Amischen" wanderten aus, zuerst ins Elsass, dann in die Pfalz und um 1850 nach Nordamerika.
Die gemässigten unter der Leitung von Hans Reist blieben zum Teil im Lande, sie nennen sich Heute Alttäufer.
Weltweit sind sie unter dam Namen Mennoniten bekannt. Menno Simons, von dem der Name stammt, war ein früher Täufer aus den Niederlanden.

Ernst Küpfer Januar 2003