Geschichte des Schnupfes
Es war tatsächlich einmal, und zwar vor 500 Jahren. Da nämlich entdeckte ein Mann quasi aus Versehen einen neuen Kontinent. Sie wissen, wen ich meine? Dann haben Sie in der Schule gut aufgepaßt. Oder im Jahr 1992. Da hat man viel von ihm gehört. Eben wegen der 500 Jahre. Nun ja, also: CHRlSTOPH KOLUMBUS war's, im Jahr 1492. Natürlich war er nicht alleine unterwegs. Und natürlich war er nicht nur einmal dort, in Amerika. Wenn es nun wahr ist, was die geschichtlichen Quellen wissen lassen, dann hat der Mönch ROMANO PANE, von Kolumbus bei seiner zweiten Reise auf der Insel Haiti zurückgelassen, im Jahre 1496 zum ersten Mal über Tabak berichtet. Auch dessen berauschende Wirkung soll er nicht verschwiegen haben. Immer wenn die Könige ihre Götter um Rat fragten wegen Ihrer Kriege, wegen einer Steigerung des Fruchtertrages oder wegen Not, Gesundheit und Krankheit, schnupfen sie in ihren Tempeln das Kraut in ihre Nasenlöcher, das Cohabba genannt wird. Die Könige behaupten, dass sie sofort die Häuser auf dem Kopf stehen und Menschen mit den Füssen nach oben gehen sehen. Das Pulver ist von solcher Kraft, dass es einem völlig den Verstand raubt, heisst es in einer schriftlichen Aufzeichnung der Mönchserzählungen.
Aber: Wer hat wann die ersten Tabakpflanzen nach Europa gebracht? FERNANDO CORTEZ? FRANCIS DRAKE? FRANZISKO HERNANDEZ? Egal, wer's war. Sicher scheint, dass der französische Gesandte in Lissabon, der Arzt JEAN NICOT (nach ihm wurde später das in der Pflanze enthaltene Alkaloid >Nicotin< genannt), 1561 Tabaksamen und Tabakblätter an den Hof KATHARINAS VON MEDICI brachte, die begeistert die gepulverten Tabakblätter gegen Kopfschmerzen schnupfte (herbe de la reine, Kraut der Königin, oder poudre de la reine, >Pulver der Königin<, wurde der Schnupftabak später genannt) und vor allem auch ihrem Sohn FRANZ II. verabreichte. Bald darauf schnupfen auch die höfischen Kreise Frankreichs und dann die bürgerlichen und wenig später die ganz Europas.
Schon entstanden Schnupftabakfabriken, die erste 1677 im spanischen Sevilla, weitere in Frankreich und Italien (spanische Geistliche hatten das Schnupfen nach Rom gebracht). Man hatte inzwischen sogar - mit Erfolg - begonnen, Tabak in Europa anzubauen.
Nach Deutschland brachten die FUCGER dank ihrer europäischen Handelsbeziehungen den Tabak so um 1650, und zwar zuallererst nach Augsburg. Vor allem die aus Frankreich vertriebenen Hugenotten sollen aber auch die Verbreitung des Schnupftabaks gefördert haben. Das Produktionsgeheimnis schliesslich wurde erst im 18. Jahrhundert durch Franzosen und Italiener nach Deutschland gebracht. Natürlich entstanden sogleich Schnupftabakfabriken, als erste 1733 die heute noch existierende Firma BERNARD. Noch ehe aber in Deutschland die ersten Fabriken gegründet waren, hatte man schon versucht, dem Schnupfen den Garaus zu machen: JAKOB 1. von England lies Edelleute, die in seiner Gegenwart geschnupft hatten, vom Hofe weisen. Papst URBAN VIII. erliess 1642 eine Bulle gegen das Schnupfen, die (erst oder schon) 1724 wieder aufgehoben wurde.
Und es ging weiter. 1720 schrieb der Westfale JOHANN HEINRICH COHAUSEN in lateinischer Sprache ein Traktat mit dem Titel >Satyrische Gedanken von der Pica Nasi, das ist: Von dem heutigen Missbrauch und schädlichen Effekt desSchnupf-Tabaks, nach den Regeln der Physik, der Medizin und Moral ausgeführt<. Wir erfahren darin, dass es eine unordentliche, heftige Begierde oder Sehnsucht sei, den Schnupftabak ohne Not und ohne Unterschied der Zeit und des Ortes, unter allerhand Prätext in die Nasenlöcher zu stopfen ...
Von den Medizinern gerühmt (siehe auch Kapitel 10) und ungeachtet all dieser Attacken setzte der Schnupftabak seinen Siegeszug fort. Sogar in England, in dem er zunächst keinerlei Konkurrenz für die Pfeife darstellte. Als aber König KARL II. im französischen Exil den Schnupftabak kennenlernte und von ihm auch später in London nicht mehr lassen wollte, wirkte dies ansteckend. Zwischen 1720 und 1820 wurden von einem Londoner Tabakhändler zu 90 Prozent Schnupftabak und nur zu 10 Prozent Rauchtabak verkauft. CHARLOTTE, die Gemahlin König GEORGS III, wurde sogar zur >Snuffy-Charlotte<. In England allerdings verwendete man sehr bald feiner gemahlenen, hellen, stark aromatisierten Tabak, eben Snuff. Von dem genügten viel kleinere Mengen, und das Schnupfen funktionierte jetzt auf die >feine englische Art<. Zahlreiche >Snuff Milz< (Snuffherstellerbetriebe) und tolle Rezepturen gab es nun. Im 18. Jahrhundert also war der Schnupftabak das Genussmittel schlechthin - bei beiden Geschlechtern. Doch plötzlich lag in deutschen Landen ein
Schnupftabakverbot in der Luft, aus medizinischen, moralischen und politischen Erwägungen. Ganz so schlimm sollte es dann doch nicht kommen, aber schlimm genug: Steuern und Tabakmonopol. Das Vergnügen wurde ein teures. Die Lösung: geschmuggelter Tabak! Natürlich nutzte man auch in den anderen europäischen Ländern die Chance, aus Tabak Geld zu machen, und schröpfte die Schnupfer. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz.- Es wurde weitergeschnupft. Bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Dann aber kam Konkurrenz, ernsthafte Konkurrenz. Die Zigarette. Auf einmal war es altmodisch, lächerlich, plump, das Schnupfen. Kurz und gut.- es war out. Zumindest bei den höheren Herrschaften.Geschnupft wurde weiterhin vom einfachen Volk, in ländlichen Gebieten und dort, wo Rauchen verboten war. In Bibliotheken, in Bergwerken, auf hölzernen Segelschiffen, in Wäldern. Ruhrgebiet und Bayerischer Wald blieben Schnupferhochburgen. Im Böhmerwald, dem Nachbarwald des letzteren, gab es gegen Ende des vorigen Jahrhunderts plötzlich (im wahrsten Sinne des Wortes) unheimlich viel bayerischen Schmalzler, obwohl nur ganz wenig importiert wurde. Die Lösung konnten Sie sich's denken? - schon wieder: Schmuggel. Der Tabak-Peter und seine Leute waren am Werk. Sie betrieben das sogenannte Tabakpanschen und machten dickes Geld damit. Der böhmische Schnupftabak war angeblich teurer und schlechter als der bayerische. Und scharf auf Schnupftabak waren sie, die Waldarbeiter. Die bayerischen wie die böhmischen. Aber auch ohne Schmuggel ging es mit dem Schnupftabak weiter, wenn auch ohne grössere Höhen. Er verkaufte sich in gewissen Regionen und an bestimmte Menschen, aber er war nicht mehr modern. Und das machte sich irgendwann sogar In Bayern bemerkbar. Hier hatte es jede Menge Schnupftabakfabriken gegeben. Aber seit dem ersten Weltkrieg und dem Siegeszug der Zigarette hatten diese nichts mehr zu lachen. Ein Betrieb nach dem anderen musste schliessen. 1913 lag der deutsche jahresverbrauch bei 4000 Tonnen, 1939 bei 1600, 195o bei 525, 1960 bei 326, 1969 bei 230 Tonnen.
Seit 1970 allerdings ...